Wo bleibt die Analyse der Wirtschaftskammer zum Fachkräftemangel?
Fast schon gebetsmühlenartig jammert die Wirtschaft über einen vermeintlichen Fachkräftemangel in Tirol. Doch die Bilanzen des AMS sprechen eine deutlich andere Sprache. „Ich wäre froh, wenn es den Fachkräftemangel auch gäbe. Denn dann hätten wir einen konkreten Ansatzpunkt gegen die steigende Arbeitslosigkeit. Wir könnten mit gezielten Qualifizierungsmaßnahmen sofort gegensteuern. Leider stellen wir jedoch fest, dass in Wirklichkeit ein extremer Verdrängungswettbewerb stattfindet, und zwar von den älteren, qualifizierten hin zu billigeren, kurzfristigen Arbeitsverhältnissen“, betont AK Präsident Erwin Zangerl.
Mehr als 23.800 Arbeitslose verzeichnete das AMS Tirol im vergangenen Jahr. Allein 28 % der Arbeitslosen (6.670 Personen) entfielen auf den Tourismus! Selbst im Jänner/Februar 2016, also zur Hochsaison, waren es immer noch 11,7 %.
Noch ein paar Zahlen gefällig
Im Jänner waren 731 ausgebildete Kellner bzw. Kellnerinnen arbeitsuchend gemeldet und im Februar waren es 680. Im Mangelberuf Koch bzw. Köchin gab es im Jänner 324 und im Februar 306 Arbeitsuchende! Dazu kommen 120 Schankkräfte, 322 Stubenburschen bzw. -mädchen, 392 Kochgehilfen und 228 Geschirrreiniger. Sie alle waren in der Hochsaison auf Arbeitsuche.
Zangerl: „Da behaupten dann manche Wirtschaftsfunktionäre, das seien Leute, die nicht arbeiten wollen, statt zu hinterfragen, wie es mit der Arbeitsqualität und mit der Bezahlung ausschaut.“
Doch die Tiroler Betriebe leiden unter einem Fachkräftemangel. Vor allem der Tourismus suche händeringend nach Fachkräften, behauptet die Wirtschaftskammer. Wissen sollte man auch, dass pro Jahr mehr als 850 junge Menschen eine der Tiroler Tourismusschulen erfolgreich abschließen. Es gäbe also genügend hochqualifizierte Arbeitskräfte in dieser Branche.
„Da liegt die Vermutung schon nahe, dass der Ruf nach mehr Fachkräften in Wirklichkeit der Ruf nach billigeren Arbeitskräften ist. Geht es um den Zuzug von noch mehr ausländischen Arbeitskräften, oder um die Qualifizierung heimischer Arbeitsuchender?“, verlangt Zangerl Aufklärung über die Beweggründe.
Fairer Lohn für gute Arbeit?
Tatsache ist, dass es in Tirol immer weniger Fachkräfte schaffen, in einen Beruf einzusteigen, in dem sie ihren Fähigkeiten und Qualifikationen entsprechend entlohnt werden. Parallel dazu finden sich beim AMS immer mehr ältere Facharbeiter wieder, die gekündigt wurden und überdurchschnittlich lange einen neuen Arbeitsplatz suchen.
„Hier ist die Wirtschaftskammer in der Pflicht“, sagt Zangerl. „Bereits mehrfach haben die Arbeitnehmervertretungen AK und ÖGB verlangt, dass WK und IV unter ihren Mitgliedsbetrieben tätig werden und den genauen Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern erheben. Jammern allein ist zu wenig und kein Programm für eine positive Zukunft des Landes Tirol. Es braucht eine lückenlose Analyse unter den Tiroler Betrieben. Es kann nicht angehen, dass es keine zuverlässigen Daten zum behaupteten Fachkräftemangel gibt.“
Maßnahmen für den Wirtschaftsstandort
Zangerl: „Land, AMS und Sozialpartner brauchen ein zuverlässiges Bild über Mangelberufe, aufgeschlüsselt nach Betrieben, Branchen und Regionen, um eine gezielte Qualifizierungsoffensive zu starten.“
Dann hätten Tirols Arbeitnehmer eine Perspektive: Die Folgen wären eine niedrigere Arbeitslosigkeit und ein wirtschaftlicher Aufschwung. Zangerl: „Zuallererst benötigen die heimischen Arbeitsuchenden wieder eine Chance auf Beschäftigung, bei der die Qualität ihrer Arbeit anständig entlohnt wird. Denn unsere Leute bleiben mit ihrem Arbeitseinkommen im teuren Heimatland und müssen hier das Auskommen finden. Tirol ist bei den Einkommen Letzter! Das heißt aber auch: Nicht die Mindestsicherung ist zu hoch, sondern die Löhne sind zu niedrig!“
