Offener Brief an WK Präsident Jürgen Bodenseer
OFFENER BRIEF
Herrn Präsident
Dr. Jürgen Bodenseer
Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Jürgen
Du hast mit deinen jüngsten Aussagen in der Tiroler Wirtschaft und in der TT mit deinem neuen WK-Vizepräsidenten Manfred Pletzer eine rote Linie überschritten. Wir werden ab sofort diese völlig ungerechtfertigten Angriffe auf AK, ÖGB und die Tiroler Arbeitnehmer nicht länger tolerieren und uns entsprechend zur Wehr setzen. Wir lassen uns solche Fouls nicht länger gefallen.
Ich habe mich persönlich in den letzten Wochen immer wieder bemüht, dass wir eine gemeinsame Linie und ein koordiniertes Vorgehen für den weiteren Aufschwung in Tirol einhalten. Deine letzten öffentlichen Stellungnahmen machen diese Bemühungen zunichte und stellen das genaue Gegenteil dar.
Auch dein nunmehriger offener Brief strotzt vor Halbwahrheiten und Unwissenheit. Erlaube mir daher, dieses Schreiben im Klartext zu beantworten.
Du schreibst von einer funktionierenden Sozialpartnerschaft und stellst die Arbeitnehmerseite an den Pranger. Der Obmann des Wirtschaftsbundes lässt gleichzeitig verlauten, dass die Sozialpartnerschaft versagt hat und sich laufend selbst demontiert. Vielleicht wäre es vernünftig, dass ihr intern zu einer einheitlichen Linie findet, damit wir endlich wieder ein verlässliches Gegenüber auf Sozialpartnerebene haben. Wer spricht für die Tiroler Wirtschaft? Der Kammerpräsident oder der Obmann einer politischen Teilorganisation?
Du schreibst von fleißigen und motivierten Mitarbeitern, die darum bitten (!), auch einmal für wenige Tage im Jahr 12 Stunden am Tag arbeiten zu dürfen. Du schreibst davon, dass nie daran gedacht worden sei, irgendwelche Überstunden zu kappen oder nicht mehr auszubezahlen…
Wer deinen Brief ernsthaft liest, muss kopfschüttelnd erkennen, dass die Wirtschaftsseite offenbar nicht weiß, was sie eigentlich will. Wir sind aber sicher nicht bereit, für diese Hü-Hott-Politik den Kopf länger hinzuhalten.
Ich möchte nur daran erinnern, dass die Wirtschaft bis dato zum Thema Arbeitszeit keinen einzigen konkreten Vorschlag in die Verhandlungen eingebracht hat. Stattdessen wird von deiner Seite auf billige Art polemisiert und agitiert. Dabei ist das alles nur ein Versuch, die Unzufriedenheit der Unternehmer mit der Wirtschaftskammer der Arbeitnehmerseite zuzuschieben.
Im Gegensatz zu deinen WK Mitgliedern sind unsere Mitglieder mit ihrer Vertretung hoch zufrieden. Wir lassen uns nicht in eure Auseinandersetzungen und euren internen Wirbel hineinziehen.
Damit ihr wisst, wovon ihr redet: DERZEIT BESTEHEN BEREITS folgende Möglichkeiten einer erweiterten Arbeitszeit. Wenn es, wie du schreibst, nicht um Überstundenzuschläge und Zeitausgleich geht, was hindert euch, diese auch anzuwenden? Und noch etwas: Auch Einzelvereinbarungen sind in kleinen Betrieben jederzeit möglich.
Tägliche Normalarbeitszeit kann ausgedehnt werden auf:
• 10 Stunden durch 4-Tage-Woche
• 10 Stunden durch Gleitzeit
• 10 Stunden durch KV.
• 12 Stunden bei Arbeitsbereitschaft
• 24 Stunden bei überwiegender Arbeitsbereitschaft mit besonderen Erholungsmöglichkeiten
Tägliche Gesamtarbeitszeit kann ausgedehnt werden auf:
• 10 Stunden durch KV
• 10 Stunden durch Gleitzeit
• 10,5 Stunden bei Vor- und Abschlussarbeiten (AN kann nicht durch andere ersetzt werden)
• 12 Stunden bei 4-Tage-Woche (BV oder EV)
• 12 Stunden bei Sonderüberstunden (BV oder EV + arbeitsmedizinische Unbedenklichkeit)
• 12 Stunden bei vollkontinuierlicher Schichtarbeit am Wochenende mit Schichtwechsel
• 12 Stunden bei verlängerten Schichten (KV)
• 13 Stunden bei Arbeitsbereitschaft
• 24,5 Stunden bei überwiegender Arbeitsbereitschaft und besonderen Erholungsmöglichkeiten
Wöchentliche Gesamtarbeitszeit kann ausgedehnt werden auf:
• 56 Stunden bei Schichtarbeit über KV
• 60 Stunden bei Zulassung von zusätzlichen Überstunden durch KV
• 60 Stunden bei Sonderüberstunden (BV oder EV + arbeitsmedizinische Unbedenklichkeit)
• 60 Stunden bei Arbeitsbereitschaft
• 60 Stunden bei Zulassung weiterer Verlängerung durch Arbeitsinspektorat ohne öffentliches Interesse
• 72 Stunden bei überwiegender Arbeitsbereitschaft mit besonderen Erholungsmöglichkeiten
Ich wünsche, dass beim Thema Arbeitszeit Ehrlichkeit und Sachlichkeit einkehren und die Wirtschaftsseite endlich offen sagt, was sie wirklich will. Halbwahrheiten und Unterstellungen sind sicher nicht der richtige Weg dafür. Von einer neuen Sozialpartnerschaft erwarte ich mir sachliche Auseinandersetzungen auf Augenhöhe, statt versteckter Fouls.
Mit freundlichen Grüßen
Erwin Zangerl
