Wie viel Medizin braucht/überlebt der Mensch?
Um diese Frage zu beantworten, hat die Bezirkskammer Landeck einen hochkarätigen Referenten zu einem Infoabend am 20.04.2016 eingeladen – den Arzt und Bestsellerautor Dr. Günther Loewit, gebürtiger Tiroler und seit vielen Jahren Gemeindearzt in Marchegg, Niederösterreich. Viele interessierte BesucherInnen nahmen diese Gelegenheit wahr und scheuten weder Mühe noch Kosten einer zum Teil mehrstündigen Anreise, um den Worten dieses Vortragenden zu lauschen.
Nach der Begrüßung durch den Leiter der Bezirkskammer Landeck, Mag. Peter Comina, begann der Referent mit den provokanten Worten “Zu viel Medizin macht krank!” und stellte die Frage, ob die moderne Medizin an ihren eigenen Ansprüchen scheitert. Mehr als 30 Milliarden Euro fließen in Österreich jährlich in den Gesundheitssektor, ständig gibt es neue Therapien und Möglichkeiten der Diagnostik – und doch gab es noch nie so viele Patienten wie heute. Es gelang ihm gut zu vermitteln, dass Tabletten und Operationen keine Allheilmittel sind und dass Medizin kein Ersatz für Eigen- und Gesellschaftsverantwortung sein kann. “Stattdessen müssen wir wieder “Augen-Blicke” und “Behandlungen” haben, miteinander reden und einander zuhören lernen, dies auch und gerade im Umgang mit alten und sterbenden Menschen.”
Die Erwartungshaltung einer ganzen Gesellschaft laute mittlerweile: “Medizinische Behandlung bedeutet, dass stets die geeignete Tablette oder Operation verfügbar ist”, so Dr. Loewit. Um Ursachen oder Nebenwirkungen müsse man sich dabei nicht mehr kümmern. Die Pharmaindustrie könne ungeniert ihren Profit maximieren, Spitäler werden ausgelastet, Ärzte minimieren ihr Risiko, die Politik hält alles unter Kontrolle. Und der Patient erfreut sich der scheinbaren Gewissheit, immer die “beste” medizinische Versorgung zu erhalten, ohne etwa seinen Lebensstil hinterfragen zu müssen. Immer häufiger sterben dabei Menschen an der Therapie, nicht an der Krankheit und wird die Medizin selbst bisweilen zur Bedrohung. Erschreckende Zahlen werden genannt und lassen aufhorchen: Jährlich gibt es in Europa mehr als 50.000 Tote durch multiresistente Keime, die sich Patienten in einem Krankenhaus zuziehen. Vier bis neun Prozent aller Spitalspatienten in Österreich, so wird geschätzt, werden mit therapieresistenten Keimen infiziert.
Große Unsicherheit herrschte unter den Besuchern zum Thema “Impfungen”. Dazu brachte der vortragende Arzt vor, dass Kinder generell ein gesünderes Lebensumfeld brauchen und eine gesunde Kindheit weit mehr als ausreichend viele Untersuchungen, Therapien und Impfungen im Kindesalter bedeute. Analog zu den notwendigen (!) Impfungen für den Körper müsste aber auch an “Impfungen” für die Seele gedacht werden. Seiner Meinung nach glaubt die Politik durch die Stärkung des medizinischen Vorsorgegedankens die Entstehung von Krankheiten schon im Keim verhindern zu können. Dem stehe aber schon allein die Unterschiedlichkeit der Menschen im Weg, auf die die heutige Form der Vorsorgeuntersuchung keine Rücksicht nimmt. Sie ignoriert die Bedeutung der Psyche und des sozialen Umfeldes für die Gesundheit vollkommen. Zugleich führen Vorsorgeuntersuchungen zu einer Flut von neuen Patienten und fehlerhaften Befunden. Als Alternative zu dieser Vorsorgemedizin bietet sich eine Stärkung bzw. Wiedereinführung des klassischen Hausarztmodells an. Denn der jahrzehntelange Begleiter und Berater in Gesundheits- und Lebensstilfragen steht dem Patienten emotional weit näher als jeder Politiker. Und ein Hausarzt braucht keine elektronischen Vorsorgeuntersuchungsformulare, um seinem Patienten sinnvolle medizinische Ratschläge geben zu können.
Im Anschluss an diese abschließenden Worte, wurde den BesucherInnen des Abends die Möglichkeit eingeräumt, persönliche und individuelle Fragen beantworten zu lassen und wurde dies – wie immer – auch gerne und ausführlich angenommen.
Nach diesem informativen und vom Publikum mit diversen Fragen und Meinungen mitgestalteten Vortrag klang der Abend gemütlich bei einem kleinen Buffet aus, bei welchem die Diskussionen und der Meinungsaustausch gut gelaunt fortgesetzt wurden.
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