AK Zangerl und ÖGB Leist: Jammerei von Bodenseer wenig durchdacht
Wenn sich die WK Spitze um die Finanzierung unseres Sozialsystems sorgt, dann soll sie endlich selbst tätig werden: Den Rauswurf älterer Mitarbeiter durch ein Bonus-Malus-System verringern, die Kündigung von Beschäftigten im Krankenstand unterbinden, mehr Vollzeit- und Ganzjahresarbeitsplätze statt atypischer Beschäftigungsformen forcieren, die unzeitgemäße Ungleichbehandlung zwischen Arbeitern und Angestellten beseitigen, die gleich hohen Pensionsbeiträge leisten wie die Arbeitnehmer und, und, und. All dies würde unser Sozialsystem deutlich entlasten und die Töpfe füllen, stellen AK Präsident Erwin Zangerl und ÖGB Vorsitzender Otto Leist klar.
Wenn Bodenseer behauptet, dass das Krankengeld in manchen Fällen höher sei als Arbeitslosen-Geld, dann sind dies jene Fälle, in denen der Arbeitnehmer während des Krankenstandes gekündigt wurde. Der Vorwurf trifft also das Verhalten seiner eigenen Betriebe, Menschen im Krankenstand vor die Tür zu setzen. Aus der Arbeitslosigkeit heraus ist das Krankengeld gleich hoch wie das Arbeitslosengeld.
Der WK Präsident vermengt beim Teilkrankenstand sachlich unrichtig und unzutreffend zwei Punkte: Nämlich erstens, wie sieht es mit dem vertraglichen Tätigkeitsbereich aus, und zweitens, welche Arbeitszeiten hat ein Beschäftigter einzuhalten.
Für AK und ÖGB ist ein Teilkrankenstand keine Option, weil die Beurteilung, ob jemand 25 % oder bis 75 % arbeitsfähig ist, kaum durchführbar ist, ohne den Arbeitsplatz zu kennen. Bei einer generellen Einführung wäre der Willkür Tür und Tor geöffnet. Es ist alles derzeit klar geregelt: Krankschreibungen erfolgen durch Allgemeinmediziner, die auch das Vertrauen der Patienten genießen. Kontrollärzte der Sozialversicherung prüfen die Krankmeldungen und laden gegebenenfalls die Betroffenen vor.
Wie soll die Entgeltfortzahlung – Verhältnis Lohn Krankengeld – abgewickelt werden? Kann jemand, der „teilgesund“ geschrieben ist, auf Reha gehen? Wie wirkt sich das auf das Pensionskonto aus?
Zangerl: „Die Beschäftigten trauen sich jetzt schon immer weniger in Krankenstand zu gehen, aus Angst den Arbeitsplatz zu verlieren. Dabei wissen wir alle: Wer sich krank zur Arbeit schleppt, tut weder sich noch dem Betrieb was Gutes. Vielmehr verursachen höhere Fehleranfälligkeit und mehr Arbeitsunfälle Kosten in Milliardenhöhe.“
Der ÖGB Chef: „Wann hat der WK Präsident das letzte Mal einen Arbeitsplatz gesehen? Wie soll das in der Arbeits-Wirklichkeit gehen? Gibt es dann Verkaufspersonal, das nur Suppenbrieferl einräumen kann, Kellner oder Kellnerinnen, die nur einen Teller tragen dürfen, usw. usw. Bei der heutigen Arbeitsverdichtung gibt’s nur entweder oder: Bist du da, bist du gesund, ansonsten bist du krank!“
Grundsätzlich werden immer und überall in der Wirtschaft die Kosten für unvorhersehbare Ausfälle – so auch durch Krankheit und Unfall – im Preis für Produkte und Dienstleistungen berücksichtigt. Dies gilt in erster Linie für die Unternehmerschaft, aber natürlich auch für die Arbeitnehmer. Das bedeutet: Unser Lohnsystem baut darauf auf, dass ein Arbeitnehmer für die Dauer seiner Erkrankung das Entgelt für einen begrenzten Zeitraum vom Arbeitgeber erhält. Umgekehrt betrachtet: Hätten die Arbeitnehmer rechtlich die Entgeltfortzahlung vom Arbeitgeber nicht, müssten sie daher selbst für das Risiko des Arbeitsausfalles infolge Krankheit Sorge tragen, dann müsste man höhere Löhne bezahlen, damit der Beschäftigte und seine Familie für die Dauer der Krankheit abgesichert sind.
Bei Freizeitunfällen gibt es ohnehin schon den Zuschuss der AUVA für Betriebe mit weniger als 51 Arbeitnehmern.
Zum Thema Kuraufenthalte: Bodenseer unterstellt mit seinen Aussagen, dass Sozialversicherungsträger Kuraufenthalte in unbegründeten Fällen genehmigen. Denn nur wer ein gesundheitliches Leiden hat, geht auf Kur. Die Kuren leisten ganz wichtige Beiträge zur dauerhaften Erhaltung der Arbeitsfähigkeit und der Fähigkeit für sich selbst sorgen zu können.
Zangerl: „Die dauernde Jammerei der Wirtschaftskammer-Spitze wird schön langsam unerträglich. Für Alles und Jedes soll die öffentliche Hand einspringen oder die Steuerzahler. Die Wirtschaft will sich offensichtlich ihrer Fürsorgepflichten für Staat, Gesellschaft und soziale Einrichtungen entledigen. Die Leistungen des Landes und seiner Beschäftigten werden schlechtgeredet. Auch unsere soziale Marktwirtschaft und die Errungenschaften, von denen gerade auch die Wirtschaft ganz wesentlich profitiert, werden sukzessive abqualifiziert.“
Einen Tipp haben die beiden Arbeitnehmer-Sozialpartner: Statt sich mit Bundesthemen zu beschäftigen, die doch nicht von Tirol aus umgesetzt werden können, sollten die WK-Vertreter endlich ihre Hausaufgaben machen und gemeinsame Zukunftsprojekte für Tirol angehen.
Die Arbeitnehmerseite der Tiroler Sozialpartner – AK und ÖGB – warten auf konstruktive Vorschläge, wie etwa auf die Analyse des tatsächlichen Bedarfs an Fachkräften und Lehrlingen, aufgeschlüsselt auf Betriebe, Branchen und Regionen. Sie warten auf die Evaluation der Standortagentur und auf Ideen für eine Tiroler Betriebsansiedelungsoffensive. Und sie warten auf eine konkrete Zusammenarbeit im Hinblick auf eine gezieltere Qualifizierung unserer Jungen für den Tiroler Arbeitsmarkt.
